1. Historische Entwicklung der Anstalt:
Die Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld besteht seit dem Jahre 1880.
Den Kern der Anstalt bilden die Gebäude des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters,
das 1803 säkularisiert wurde. 1880 wurde in Niederschönenfeld die erste
Jugendstrafanstalt Deutschlands für männliche Jugendliche vom 12. bis 18.
Lebensjahr eingerichtet und damit erstmals die strenge Trennung von jugendlichen
und erwachsenen Straftätern praktiziert. In einer kurzen Zwischenphase von 1919
bis 1924 war der Zellenbau Festungshaftanstalt für die abgeurteilten Mitglieder
der Münchner Räterepublik; unter anderem saßen hier die Schriftsteller Ernst
Toller und Erich Mühsam ein. Seit 1990 ist Niederschönenfeld eine Sonderanstalt
für junge erwachsene Verurteilte bis zum vollendeten 26. Lebensjahr.
2. Zuständigkeit und Belegung:
Die Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld ist zuständig für den Erstvollzug
von mehr als 18 Monaten bis einschließlich 4 Jahren. Vollstreckt werden außerdem
Jugendstrafen bei Verurteilten, die insbesondere wegen ihres Alters für den
Vollzug in einer Jugendanstalt nicht mehr geeignet sind und deshalb aus dem
Jugendvollzug ausgenommen wurden. Die Gefangenen kommen aus ganz Bayern.
Die Anstalt hat 261 Haftplätze. 143 Gefangene können in Einzel- und 118 in
Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden. 45 dieser Haftplätze sind als
Abteilung des offenen Vollzuges in 2 Häusern im Gebäudebereich des
anstaltseigenen Gutes Neuhof eingerichtet.
Die meisten Gefangenen sitzen wegen Eigentums- und Gewaltdelikten ein. Der
Ausländeranteil pendelt bei 38 %. Die Straffälligkeit ist in der Regel kein
einmaliges Ereignis, sondern meist die Folge einer jahrelang andauernden
Entwicklung. Gestörte Familienverhältnisse, Defizite in der Schul- und
Berufsausbildung sind typisch.
3. Berufliche und schulische Förderung:
Die Mehrzahl der in der Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld inhaftierten
Gefangenen haben zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung erhebliche Defizite im
schulischen und / oder beruflichen Bereich. Selten verfügen Gefangene über eine
abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung. Kaum ein Insasse ging vor seiner
Einweisung irgendeiner Form von regelmäßiger Beschäftigung nach. Hier setzt das
vollzugliche Arbeitswesen mit beruflicher und schulischer Förderung an. Arbeit,
Ausbildung und Weiterbildung dienen insbesondere dem Ziel, Fähigkeiten für eine
Erwerbstätigkeit nach der Entlassung zu vermitteln, zu erhalten oder zu fördern.
Darüber hinaus ist Arbeit auch ein ordnendes Element für die Sicherheit und
Ordnung innerhalb der Anstalt. Die Strafgefangenen sind nach dem Gesetz zur
Arbeit verpflichtet. Eine geregelte Arbeit sowie schulische und berufliche
Bildung haben bei den Bemühungen um die Wiedereingliederung eines Verurteilten
einen hohen Stellenwert!
Die Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld besitzt eine Vielzahl modern
ausgestatteter Arbeitsplätze in nahezu allen gängigen Handwerksbereichen mit
Schwerpunkt im Metall verarbeitenden Bereich. Zudem können Gefangene
arbeitstherapeutisch oder mit Arbeiten nach Art der Heimarbeiten beschäftigt
werden. In einer Abteilung des „offenen Vollzuges“ sind Arbeitslätze im
anstaltseigenen Landwirtschaftsbetrieb vorhanden. Es besteht auch die
Möglichkeit, geeignete Gefangene aus dieser Abteilung zur Arbeitsleistung an
Unternehmen der freiten Wirtschaft zu vermitteln. Zur fachlichen Anleitung und
zur Beaufsichtigung der Gefangenarbeitskräfte wird qualifiziertes und erfahrenes
Personal eingesetzt – in den Handwerksbetrieben mit Meisterprüfung.
Die Bemühungen der Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld im Bereich der
Beschäftigung, Berufsausbildung und beruflichen Weiterbildung der Gefangenen
können nur erfolgreich sein, wenn ausreichend geeignete, marktentsprechende
Arbeit vorhanden ist. Die Anstalt ist deswegen sehr an einer Zusammenarbeit
mit den Unternehmen der freien Wirtschaft interessiert. Sie versteht sich als
Partner für Industrie und Handwerk und nicht als deren Konkurrent.
Selbstverständlich kann das Leistungsprogramm der Anstalt auch von Privatpersonen
genutzt werden.
Das Leistungsprogramm der Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld:
Druckerzeugung und Druckweiterverarbeitung; Holzbearbeitung, Möbelbau und
Bauschreinerarbeiten; Stahl- und Blechbearbeitung, Metallbau, Schweißarbeiten;
Kraftfahrzeugreparaturen und Unfallinstandsetzung; Schuhreparaturen;
Polster- und Sattlerarbeiten; Maler- und Lackierarbeiten; Gerüstbau;
Installationsarbeiten im Bereich Heizung, Gas, Sanitär und Lüftung;
Spenglerarbeiten; Anlagenbau, Installations-, Reparatur- und Wartungsarbeiten im
Elektrobereich; Arbeiten nach Art der Heimarbeit jeglicher Art; Lohneinsätze
innerhalb und außerhalb der Anstalt; Wäschereileistungen; Back- und
Konditoreiwaren; Frisörleistungen; Kreativ- und Bastelartikel; Ackerfrüchte,
landwirtschaftliche Lohn- und Fuhrarbeiten sowie Landmaschinentechnik.
Neben sinnvoller Arbeit stehen Schul- und Berufsausbildung im Mittelpunkt der
Fördermaßnahmen.
Die Anstalt verfügt nun schon seit mehreren Jahren über ca. 200 schulische,
berufliche und allgemeinbildende Ausbildungsplätze. 4 hauptamtliche
Anstaltslehrer, über 13 nebenamtliche Lehrkräfte von diversen regionalen
Berufsschulen, sowie 2 externe Handwerksmeister unterrichten zurzeit etwa
50 Auszubildende in 11 handwerklichen Berufen und diversen berufsbildenden
Lehrgängen, wobei die praktische Unterweisung von über 20 Handwerksmeistern
übernommen wird.
In den Handwerksberufen für Elektroinstallateure, Drucker, Kfz-Mechaniker,
Bauschlosser, Bäcker, Metzger, Schreiner, Maurer, Maler, Gas- und
Wasserinstallateure / Spengler und Friseure ist eine berufliche Ausbildung
möglich.
So konnten seit 1990 insgesamt 227 Auszubildende eine Gesellenprüfung im Hause
mit Erfolg ablegen. Im gleichen Zeitraum wurden in den o. g. Ausbildungsberufen
97 Zwischenprüfungen abgelegt.
Das Haus bietet auch Berufsausbildung in Kursform (Intensivform mit etwas
verkürzten Ausbildungszeiten) in Grundlehrgängen und Aufbaulehrgängen für
Elektroinstallateure an. Darüber hinaus gibt es eine gleitende Berufsausbildung
im Druckerberuf (Grundkurs, Zwischenprüfung, Gesellenprüfung).
Schweißerkurse können im Schlossereibetrieb absolviert werden.
Ca. 10 Anlernplätze für Polstererhelfer und 1 Anlernplatz für Schuhmacher
stehen zur Verfügung. Es finden jährlich etwa 3 bis 5 einwöchige
Gabelstaplerkurse für ca. 30 Teil-nehmer statt. Insgesamt konnte seit 1990
die Fahrerlaubnis 269 mal ausgehändigt werden. In 6- bis 8-monatigen beruflichen
Grundlehrgängen für Gebäude- und Textilreiniger können weitere 20 Gefangene
jährlich geschult bzw. auf eine Ausbildung in Freiheit vorbereitet werden.
Die Anstaltsschule bietet Kurse zum Erwerb des Hauptschulabschlusses an.
Darüber hinaus erfreuen sich eine Reihe sonstiger Bildungsmaßnahmen besonderer
Beliebtheit, hierzu zählen verschiedene EDV-Kurse, Deutschkurse für Aussiedler
und Ausländer, Englischkurse, Förderkurse in Mathematik, ein Förderkurs für
besonders lese- und rechtschreibschwache deutschsprachige Gefangene,
kaufmännische Grundkurse, Rhetorikkurse sowie Trainings zur
Persönlichkeitsentwicklung wie z. B. Selbst- und Zeitmanagement.
Da Außenarbeit in realistischer Weise den Gefangenen auf ein Arbeitsleben in
Freiheit vorbereiten kann, bietet das Haus Außenarbeitsplätze und Bildungsplätze
auch im Wege des Freiganges an.
Der Anstalt ist ein modernes Werkstattgebäude, eine Ausbildungsstätte für
Elektriker und eine Lehrwerkstätte für Metallberufe zu eigen. Im Jahre 1991 wurde
ein neues Versorgungszentrum in Betrieb genommen, in dem zwei große Speise- und
Veranstaltungsräume, die Küche, die Bäckerei, die Metzgerei und die Wäscherei
untergebracht sind.
4. Förderung in der Freizeit:
Um den sozialpädagogischen Zielsetzungen des Vollzuges möglichst nahe zu
kommen, sind die Insassen des Hauses in 11 Wohngruppen aufgegliedert. Diese
werden jeweils von einem Wohngruppenleiter (Sozialpädagoge oder Psychologe) in
Zusammenarbeit mit einer eigens dafür zuständigen Dienstgruppe von 7 bis 8
Beamten des allgemeinen Vollzugsdienstes geleitet und betreut.
7 Sozialpädagogen stehen zur Verfügung, um in den Wohngruppen einen
behandlungsorientierten Vollzug umzusetzen.
5. Verkehr mit der Außenwelt:
Der Festigung der sozialen Kontakte dient die monatlich zweimalige
Besuchsmöglichkeit, aber ebenso eine relativ häufige Gewährung von Urlaub und
Ausgang. 2005 wurden für geeignete - nicht fluchtgefährdete und
missbrauchsgefährdete - Gefangene 371 x Ausgang und 688 x Urlaub gewährt. Die
Disziplin kann dabei durchaus zufriedenstellen. Die Missbrauchsquote liegt
bei „0“.
6. Personalverhältnisse:
Das Personal besteht derzeit aus 150 Bediensteten, darunter sind 1 Jurist,
1 Ärztin, 2 Psychologen, 4 Pädagogen, 2 Geistliche, 7 Sozialpädagogen,
20 Bedienstete in der Verwaltung, 30 Mitarbeiter im Werkdienst,
78 Beamte/Angestellte im allgemeinen Vollzugsdienst, 4 Beamte in der
Krankenpflege und 1 Reinigungskraft. Dazu kommen noch 13 Berufsschullehrer im
Nebenamt und weitere 2 externe Dozenten.